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Dieser Text gewann den 2. Platz beim Egon-Erwin-Kisch-Preis 1980.
Opa Salzbrenner ist ein „Störfaktor". Der 83jährige Pensionär ist widerspenstig und steht dem wirtschaftlichen Aufschwung einer Wasserhahnfabrik im Weg. Als die Gewerbesiedlungsgesellschaft (GSG) den Abriß ihres noch gut erhaltenen Altbaus in der Adalbertstraße 6 im Berliner Sanierungsgebiet Kreuzberg plante, um dort einen großen Lkw-Ladehof für die Firma errichten zu lassen, da fühlte sich der alte Mann, der nun schon 35 Jahre in dem Haus lebt, in seiner Existenz bedroht. Während sich die anderen Mieter nacheinander raussetzen ließen, ging der Schwerkriegsbeschädigte Opa Salzbrenner hinter seinem Schreibtisch in Stellung, verfaßte bittere Briefe, auch an den Regierenden Bürgermeister. und focht die Kündigung gerichtlich an: mit Erfolg. Das Landgericht räumte ihm schließlich ein Wohnrecht auf Lebenszeit ein. Die GSG muß sich nun in Geduld üben, denn „Unkraut", so sagt der streitbare Weltkriegsveteran, „vergeht nicht so schnell".
Anders Opa Haag aus der Kreuzberger Oppelner Straße 27. Er wohnte viele Jahre hier. Vor einem Jahr erhielt er die Kündigung. Er und die anderen Mieter sollten Platz machen, damit das alte Haus kostspielig modernisiert werden kann, was jedoch von fast allen Bewohnern abgelehnt wurde. Opa Haag, etwas mehr als 70 Jahre alt, groß und rüstig, hatte nicht die Kraft, sich so zu wehren wie Kurt Salzbrenner. Denn Opa Haag war blind. Ein Umzug in eine unbekannte Gegend, weg von hier, wo ihn jeder kannte, wo die Menschen ihm unter die Arme griffen, ihm alles vertraut war und er sich jeden Schritt zum Häuserblock ertastet und eingeprägt hatte, wäre zuviel gewesen für Ihn. Daran zerbrach er. Im April dieses Jahres, so erzählen die anderen Mieter, ist er dann gestorben. An seelischem Kummer. Von den verbliebenen vierzehn deutschen, türkischen und griechischen Mietparteien, die sich standhaft weigern, auszuziehen, sind vor einer Woche zwei Männer und zwei Frauen – darunter eine Griechin – stellvertretend für die anderen gegen „ans Kriminelle grenzende" Vertreibungsversuche ihres Hausherrn in einen Hungerstreik getreten.'
Schon die Sprache der Wohnungsbaupolitik hat für die Adressaten in der Kreuzberger Ora-nien-, Waldemar- oder Naunynstraße die Wirkung physischer Gewalt: Angst, Kopfschmerzen., Magenbeschwerden, Schlaflosigkeit, Aggressionen, Depressionen. Begriffe wie Sanierungsobjekt, Kahlschlagsanierung, durchgreifende Modernisierung, Blockentkernung, Ordnungs- und Freimachungsprogramme, entmieten und umsetzen bedeuten für viele dieser Menschen, daß sie entwurzelt, ihrer angestammten Umgebung. den Nachbarn und Freunden entrissen und meist in anonyme Neu-Bauklötze oder Altersheime umgesiedelt werden. Zurück in den „Kiez", wie in Berlin das Viertel heißt, in dem man sich zu Hause fühlt, können sie kaum. Nach der Sanierung sind die Mieten doppelt bis dreimal so teuer wie früher.
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